Montag, 12. September 2016

Ich in WDR Print (13)


VON BRENNENDEN DRACHEN, SEXY MUSIK- JOURNALISTEN UND – ERBSENZÄHLERN
Ginge es bei Musik nur um Musik, wäre es Unsinn, Konzerte im Fernsehen zu übertragen. Dann könnten Kiss ungeschminkt singen, Miley Cyrus vollständig bekleidet, und AC/DC würden im Sitzen spielen. Aber Rock‘n‘Roll ist Show-Business. Andrea Berg zum Beispiel hat einen feuerspeienden Drachen auf der Bühne. Neulich zog sie sich bei einem Live-Auftritt Verbrennungen zweiten und dritten Grades zu. Die Sängerin dachte an ihren Hit „Die Gefühle haben Schweigepflicht“ und sang das Lied knallhart zu Ende. Das ist Rock‘n‘Roll! Der Frontmann von Rammstein hätte sich bestimmt sofort acht Wochen krankschreiben lassen. Der hat übrigens selber eine Pyrotechniker-Ausbildung, vermutlich um Personal einzusparen. James Last war da anders, er hat sich Zeit seines Lebens geweigert, den Busführerschein zu machen. Aber ich schweife ab.
Musik im Fernsehen, da denkt der in Ehren ergraute Rockfan Marke „55-jähriger Jeanstyp“ gerne an den »WDR Rockpalast«. Der brachte damals die ganz großen Bands ins Wohnzimmer, und weil das Ganze zeitgleich im Radio übertragen wurde, sogar in Stereo. So traf man sich mit den anderen Langhaarigen bei Bier, Lambrusco und selbst gedrehten Zigaretten, und sobald der große Alan Bangs mit seinem sexy britischen Akzent die Bands ansagte, flippten alle aus. Hat mir meine Redakteurin erzählt. Die sehr mit mir schimpfte, nachdem ich Alan Bangs aus diesem Text gekürzt hatte. Jetzt ist er wieder drin. Der ungemein gut aussehende und extrem sympathische Musikjournalist, wenn ich hier mal ganz offen meine eigene Meinung sagen darf. Ich selber war übrigens nie eingeladen zu den Fernseh-Partys. Ich hatte eine schwere Jugend.
Ob Klassik im Bild gut rüberkommt, hängt sehr von der Frisur und dem Temperament des Dirigenten ab. Die Haare müssen halt schön fliegen. Jazz im Fernsehen ist auch toll, weil Jazzmusiker zwar nicht tanzen, aber dennoch enorm transpirieren. Außerdem können sie teilweise sehr schnell spielen. Ich wollte schon immer mal mit einem Jazzstück an einem Luftgitarrenwettbewerb teilnehmen und mich gar nicht bewegen – außer im Gesicht.
Will man junge Menschen heute für irgendetwas begeistern, holt man sich einen Rapper dazu, und das Dolle ist: Das funktioniert. Siehe „Das Vivaldi- Experiment“. Das hätte Vivaldi jetzt auch nicht gedacht, dass seine Grooves gesampelt werden und MoTrip die Lines dazu droppt. Leider befindet sich im Refrain ein Grammatikfehler: „Zeit, um endlich aufzustehen, jeder Mensch ist auserwählt, hat seine Gründe hier zu sein, auf diesem kleinen blauen Planet.“ Planeten, Herr MoTrip, Planeten! Dativ! Aber derlei Fehler finden sich in den größten Hits. Marmor, Stein und Eisen brechen ja genau genommen, um das berühmteste Beispiel zu nennen. Der Bayerische Rundfunk weigerte sich damals, den Hit zu spielen. Der Grammatik wegen. „Mit 66 ist noch lang noch nicht Schluss“ klingt auch eher zweifelhaft. Oder Sportfreunde Stiller: „Ich wollte Dir nur mal eben sagen, dass Du das Größte für mich bist. Und sichergehen, ob Du denn dasselbe für mich fühlst.“ Finde die beiden Fehler! Ja, ich bin ein Besserwisser. Meine Klassenkameraden hätten während der Rocknächte sehr viel von mir lernen können!

Dienstag, 28. Juni 2016

Ich in WDR Print (12)


Glosse
CHRISTIAN GOTTSCHALK
SHOPPEN ODER SCHOPPEN?


Woran merkt man eigentlich, dass wir Hochsommer haben? Teilweise am Wetter. Und daran, dass die ARD gebrauchte Tatorte versendet. Guckt ja keiner Fernsehen, sind ja fast alle im Urlaub. Was stimmt. Denn Hochsommer ist, wenn es in Köln Parkplätze gibt.

Ich bin urlaubsreif. Kann aber gerade nicht weg. Beim Zappen bleibe ich ständig sehnsüchtig vor Reisereportagen hängen. Über Madeira oder Kuba, und neulich war ich mit Stefan Pinnow auf Juist. Sehr erholsam. Ich gucke mir sogar Ratgeber-Sendungen über Reisekostenrückerstattung wegen schimmeliger Pools an, einfach um meinen Neid zu bändigen. Ich bin so verzweifelt, ich würde sofort mit dem vermaledeiten Traumschiff fahren und mich anschließend in die Klinik unter Palmen einliefern lassen.

Als Kind begann für mich der Urlaub mit einem grässlichen Bonbon. Dieses Bonbon, außen fest und innen mit einem fiesen weichen Kern, verteilten die Stewardessen an alle Fluggäste gegen den Ohrendruck. Und dann flogen wir nach Bulgarien (Goldstrand), Rumänien (Sonnenstrand) oder Mallorca, je nachdem was meine Eltern aus dem Katalog ausgesucht hatten. Wir wohnten in riesigen Hotels (Begrüßungscocktail inklusive), buddelten uns fürs Foto gegenseitig im Sand ein und spielten auf Luftmatratzen Piraten. So also, dachte ich, geht Urlaub.

„Die schönsten Wochen des Jahres“, sagt man ja, um zuvor auch ordentlich Druck aufzubauen. Viele Beziehungen überstehen den ersten Urlaub nicht, weil es vorher schon mal eine schönere Woche gab. Und: Was heißt schon schön? Vollrausch in der Schinkenstraße, Shoppen in New York, Schoppen an der Mosel?

„Urlaub ist, wenn man 14 Tage lang ganz andere Probleme hat“, pflegte mein alter Kumpel K. zu sagen. Demgemäß gestaltete ich früher meine Reisen so, dass ich Fortbewegungsmittel und Gegend in Abenteuer versprechenden Kombinationen plante. So bereiste ich Tunesien statt auf einer aufgepumpten Riesenbanane mit dem Fahrrad und kam recht schnell mit der Landbevölkerung ins Gespräch. Die diese Idee eher befremdlich fand.

Die Urlaubszeit, das waren damals tatsächlich fernsehfreie Wochen. Heute haben wir meistens eine Ferienwohnung, da lasse ich es mir natürlich nicht nehmen, das ausländische Fernsehprogramm zu testen. Weihnachten in Madrid habe ich drei Stunden lang die Ziehung der Weihnachtslotterie verfolgt und außer „Mille Euro“ kein Wort verstanden. Aber es war faszinierend! In Italien kann man an den Dekolletés der Moderatorinnen erraten, welcher Sender Berlusconi gehört. Und wer einmal „Sturm der Liebe“ auf bulgarisch gesehen hat, will nie wieder das Original anschauen, allein der Titel klingt viel aufregender: „Wetrowete na Ljubowta“.

Christian Gottschalk (nach Diktat leider nicht verreist)

Erstabdruck in WDR Print



Illustration: von Zubinski
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Mittwoch, 15. Juni 2016

Ich in der taz (9)

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